Interview mit Paul Maar

Anlässlich der Verleihung des Ehrenpreises 2009 sprach Der Deutsche Vorlesepreis mit Paul Maar (71), dessen Millionenauflagen starkes Werk in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde. Über das neue Sams-Buch, über die Bedeutung des Vorlesens, über junge Autoren-Kollegen - und über die Arroganz des Feuilletons.

„Die Gesellschaft klafft immer mehr auseinander.“

Die Sams-Reihe ist die erfolgreichste Kinderbuchreihe Deutschlands. Dennoch hat es viele überrascht, dass Sie 35 Jahre nach dem ersten Teil noch ein sechstes Sams-Buch heraus bringen. Wie kam es dazu?

Ich wollte ja keine weitere Sams-Geschichte mehr schreiben und hatte mir mit dem „Herrn Bello“ auch längst einen neuen Buchhelden geschaffen. Da kam der Brief eines siebenjährigen Mädchens, das mir schrieb, es wäre sehr traurig, wenn ich kein neues Samsbuch mehr schreiben würde. Das Wörtchen „sehr“ war fünfmal unterstrichen. Das war schon ein kleiner Anstoß. Als nächstes kam mein Sohn Michael von einer Reise in die Ukraine zurück. Er hatte dort  eine Übersetzerin  kennengelernt, die zwei Sams-Bücher aus dem Deutschen ins Ukrainische übertragen hatte. Als er ihr sagte, dass er der Sohn des Autors sei, war sie ganz euphorisch, und nach seiner Rückkehr fragte er mich, weshalb ich eigentlich kein neues Samsbuch schreiben wolle. Wo es doch selbst in der Ukraine Begeisterung auslöse. Ich konnte ihm keine schlüssige Antwort geben. Da fing mein Unterbewusstsein wohl schon an zu arbeiten. Denn ganz plötzlich hatte ich einen Titel vor Augen „Onkel Alwin und das Sams“. Dabei wusste ich weder, wer dieser Onkel sein könnte, noch was ich von ihm erzählen könne. Und ganz langsam kristallisierte sich die Geschichte heraus.

Was ist der Kern der neuen Geschichte?

Bei Herrn Taschenbier taucht plötzlich ein „Onkel Alwin“ auf, den er als Dreijähriger zuletzt gesehen hat und der dann nach Australien ausgewandert ist. Jetzt ist der Onkel also zurück und quartiert sich bei ihm ein. Der schüchterne Herr Taschenbier schafft es nicht, den ziemlich unangenehmen Onkel wieder loszuwerden – sehr zum Missfallen seiner Frau. Martin, der zwölfjährige Sohn der Taschenbiers, will den Vater unterstützen und dabei soll ihm das Sams helfen.

Die Sams-Titel sind die erfolgreichsten Kinderbücher Deutschlands und verkaufen sich zum Teil Jahrzehnte nach der ersten Auflage immer noch sehr gut. Was meinen Sie, woran das liegt?

Aus den Kinderbriefen, die mich erreichen und die ich übrigens auch alle beantworte, weiß ich, dass das Sams nach all den Jahren tatsächlich immer noch gut bei den Kindern ankommt. Die Kinder finden es toll, dass das Sams den Erwachsenen widerspricht, dass es ein wenig anarchistisch ist, dass es viele Witze macht. Und vor allem, dass es toll reimen kann: Das kommt in ganz vielen Briefen vor – Kinder besitzen eine starke Affinität zum Reimen, zu einer „gebundenen Sprache“. Viele Kinder haben aber auch eine Vorliebe für den schüchternen Herrn Taschenbier oder für seinen Sohn Martin, der die Schüchternheit vom Vater ein wenig geerbt hat. Anscheinend hat der Erfolg der Bücher also auch etwas damit zu tun, dass man sich darin mit unterschiedlichen Charakteren identifizieren kann.

Der erste Teil – „Eine Woche voller Samstage“ – erschien 1974. Ist das anarchistische Sams auch ein Stück Erbe der wilden 68er?

Das erste Buch ist sicher noch beeinflusst von der antiautoritären Bewegung. In den 60er Jahren musste man die Kinder in Deutschland dazu auffordern, selbstbewusster zu sein und dass sie sich mehr gegen die Erwachsenen durchsetzen sollten. Heute muss man den Kindern eher umgekehrt sagen, dass sie auch mal ein bißchen auf die Erwachsenen hören sollten. Es gibt jetzt viele Kinder, die rücksichtslos mit angespitzen Ellenbögen durch die Welt rennen, und mit denen muss man sich auseinandersetzen. So ändert sich die Welt – und deshalb haben sich auch Stil und Inhalte der Sams-Bücher im Laufe der Jahre verändert.

Was ist einfacher: ein Buch für Kinder oder eines für Erwachsene zu schreiben?


Das ist gleich schwierig, würde ich sagen. Es ist jedenfalls nicht einfach, Kinder zu erreichen. Man muss mindestens genauso sehr auf guten Stil und angemessenen sprachlichen Ausdruck achten, wie wenn man für erwachsene Leser schreibt. Es gibt die Beispiele Johannes Mario Simmel und Siegfried Lenz, beide große Autoren mit Millionenauflagen, die sich an einem Kinderbuch versucht haben - und beide sind nicht über die erste Auflage hinausgekommen. Ich denke, demgegenüber besitze ich die Gabe, für Kinder zu schreiben, ohne mich sozusagen von oben herab zu ihnen hinunterzubeugen. Ich kann mich sehr gut in meine eigene Kindheit zurückversetzen, was ich auch immer bei Lesungen vor Kindern merke. Deshalb denke ich: Wenn das bei Kindern so gut läuft, dann bleib’ dabei, auch wenn es ein Kinderbuch nur selten ins Feuilleton schafft. Kein falscher Ehrgeiz!

Warum schaffen es viele gute Kinderbücher nur sehr selten oder gar nicht ins Feuilleton?

Weil aus mir unerfindlichen Gründen in vielen Feuilletons eine gewisse Arroganz gegenüber Autoren von Kinder- und Jugendbüchern herrscht. Es gibt eine ganze Reihe solcher Autoren, deren Bücher mindestens das gleiche literarische Niveau besitzen wie ein durchschnittlicher Roman für Erwachsene. Dennoch werden sie vom Feuilleton kaum wahrgenommen, weil sie im Buchhandel in der Kinder- und Jugendbücherabteilung stehen und die Rezensenten sich deshalb kaum darum kümmern. Ich zähle Andreas Steinhöfel zu den Autoren, deren Bücher es verdient hätten, nicht nur auf der „Kinderbuchseite“ besprochen zu werden, genau so wie Mirjam Pressler, Kirsten Boie oder Zoran Drvenkar, der außerdem bereits zwei Romane für Erwachsene geschrieben hat.

Was raten Sie einem jungen Autor, der ein Kinderbuch schreiben möchte?

Dass er keinesfalls im Hinblick auf gängige Themen schreiben soll. In vielen Verlagen heißt es: Lieber Autor, schreib’ uns ein Buch über Ritter oder über Drachen, das verkauft sich gerade gut. Auch Lehrer stellen nicht immer die literarische Qualität in den Vordergrund, sondern fragen sehr themenzentriert: Haben Sie nicht ein Buch über die Drogenproblematik geschrieben, damit beschäftigen wir uns gerade? Oder über Ausländer – gibt’s da was bei Ihnen? Nein, der junge Autor soll genau über das schreiben, was ihm am Herzen liegt. Er soll vielleicht  nicht einmal das Kind vor Augen haben, für das er schreiben möchte. Ich versuche als Autor eine Geschichte zu erzählen, in der die Figuren glaubwürdig sind, in der die Psychologie der Geschichte und der Figuren stimmt, wo der Höhepunkt an der richtigen Stelle ist und wo es ein offenes oder gutes Ende gibt. Lasst Euch bloß nicht darauf ein, dass man Euch auf einen Weg schickt, themenzentriert zu schreiben, würde ich jungen Kinderbuchautoren raten!

Wie wichtig ist für Sie persönlich Vorlesen – wie haben Sie es in der eigenen Familie damit gehalten und was denken Sie im Allgemeinen darüber?

Ich habe meinen Kindern immer viel vorgelesen. „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und „Latte Igel“. Oder „Rasmus und der Landstreicher“ von Astrid Lindgren. Schließlich auch mein erstes Buch, „Der tätowierte Hund“. Ich finde, dass Vorlesen der beste Weg zum selbst Lesen ist. Ein Kind muss ja erst begreifen, was  eine Geschichte ausmacht. Es hört Alltagsdialoge, bekommt Anweisungen von Eltern oder Erziehern, das sind ja alles noch keine Geschichten. Das Kind muss also erst verstehen lernen, dass eine Geschichte aus Anfang, Höhepunkt und Schluss – meistens ein guter – besteht. Und das lernt es am besten in der schönen, vertrauensvollen, emotionalen Vorlesesituation. Wenn die Kinder das einmal verstanden haben, bekommen sie Lust auf eine weitere Geschichte und schließlich merken sie, dass sie dieses Erlebnis auch bekommen können, wenn sie selbst lesen.

Wie bewerten Sie das Engagement von Vorleseinitiativen?


Am besten lesen die Eltern vor. Wenn die es nicht tun, dann ist eine Vorlesegruppe für das Kind ein Geschenk, das man gar nicht hoch genug bewerten kann. Gerade für Kinder aus bildungsfernen Familien, in denen es kein Buch gibt – wenn dann die Kinder durch eine Vorleseinitiative eine Möglichkeit erhalten, die Welt der Geschichten und Märchen kennenzulernen, ist das ein großer Gewinn.

Lesen nach Ihrer Beobachtung heute weniger Kinder als früher - oder mehr?

Wenn ich heute in eine Schulklasse komme und frage, wer liest, dann melden sich immer noch ungefähr genauso viele Kinder wie vor 20 oder 30 Jahren. Der Unterschied besteht darin, dass die, die lesen, heute viel mehr Bücher lesen als früher und der Rest der Kinder kann zum Teil in der fünften Klasse noch nicht viel mehr als stammeln. Die Gesellschaft klafft also immer mehr auseinander: In bürgerlichen Familien wird das Lesen noch mehr gefördert als früher und diese Kinder können sich auch sehr eloquent ausdrücken und gut Informationen verarbeiten. Wenn durch Vorleseinitiativen auch die anderen Kinder dazu gebracht werden, mal selbst ein Buch in die Hand zu nehmen, wäre das ein großer Erfolg.

Sind Leser bessere Menschen?

Vorlesen und Lesen schult auf jeden Fall auch die emotionale Intelligenz. Wenn man durch Vorlesen und Lesen lernt, die Hauptfigur in einem Roman zu verstehen, sich in sie hineinzuversetzen, dann fällt es einem sicher auch im wahren Leben leichter, seine Mitmenschen zu verstehen. Manchmal hört man von Schlägereien auf dem Schulhof, die völlig ausarten, weil der Schläger auch nicht aufhört zu treten, wenn das unterlegene Kind schon am Boden liegt. Auch wir haben früher gerauft, aber doch nur bis zu dem Punkt, an dem der Schwächere deutlich aufgegeben hat. Ich denke, auch das hat was mit Lesen zu tun: Wer sich gut in andere hineinversetzen kann, der geht nie so weit, einen anderen zum Spaß praktisch vernichten zu wollen.

Welche Rolle spielen die elektronischen Medien dabei, ob Kinder lesen oder nicht lesen?

Ich denke, es hat etwas mit Reizüberflutung zu tun. Fernsehen, Computer oder elektronische Spiele gänzlich zu verbieten, macht für mich keinen Sinn. Wenn ich ein verantwortlicher Vater bin, erlaube ich ein bestimmtes Kontingent solcher Medien und ich schaue mit dem Kind vorher in die Programmzeitschrift, was genau es im Fernsehen anschauen darf. Ich glaube, dass das Nebenherfernsehen für die Entwicklung von Kindern sehr schädlich ist. Der ungehemmte Konsum von Fernsehen und Computerspielen hat natürlich sehr viel damit zu tun, dass in vielen Familien jahrhundertlang gültige Rituale wie das gemeinsame Mittagessen heute zerfallen sind. Einer kommt nach Haue und backt sich eine Pizza. Irgendwann kommt der nächste und macht sich irgendwas anderes. Erziehung und Bildung haben es unter solchen Bedingungen natürlich schwer.